Multitasking meistern: Wie Sie Ihr Gehirn für parallele Aufgaben trainieren
Nach Angaben der Georgetown University zeigt ein Experiment um den Neurowissenschaftler Maximilian Riesenhuber jedoch, dass unser Gehirn zwei Aufgaben durchaus parallel bewältigen kann, sofern eine…

Multitasking ist kein Mythos – nur eine Frage der Automatisierung
E-Mail schreiben und gleichzeitig einem Vortrag lauschen – wer das versucht, kennt das Gefühl, dass beides an Qualität verliert. Nach Angaben der Georgetown University zeigt ein Experiment um den Neurowissenschaftler Maximilian Riesenhuber jedoch, dass unser Gehirn zwei Aufgaben durchaus parallel bewältigen kann, sofern eine davon durch ausreichende Wiederholung automatisiert wurde. Die Studie liefert damit einen präzisen neuronalen Mechanismus, der erklärt, warum koordinative Doppelaufgaben im Training zunächst scheitern – und unter welchen Bedingungen sie gelingen.
Das Bottleneck-Modell und seine Auflösung
Das präfrontale Areal gilt seit Langem als limitierende Instanz jeder Dual-Task-Situation: Zwei Anforderungen konkurrieren um dieselbe exekutive Ressource, weshalb unser Gehirn üblicherweise nur zwischen Tätigkeiten hin- und herwechselt, statt sie simultan auszuführen. Riesenhubers Ausgangshypothese lautete demnach, dass ein neuronaler Mechanismus existiert, der gelernte Inhalte aus dem präfrontalen Kortex in andere Hirnregionen – konkret den Temporalkortex – auslagert. In der Versuchsanordnung generierte das Team tausende computergrafische Fahrzeuge, die Versuchspersonen anhand subtiler visueller Merkmale zwei Kategorien zuordnen sollten. Nach rund 30.000 Wiederholungen über mehrere Wochen hinweg ließen sich im Temporalkortex tatsächlich Neuronen nachweisen, die selektiv auf die zuvor erlernten Kategorien reagierten.
Folglich wird der präfrontale Engpass nicht durch schnelleres Schalten, sondern durch neuroplastische Verlagerung umgangen. Das Gehirn erwirbt eine Aufgabe zunächst kontrolliert im präfrontalen Kortex und überführt sie anschließend in spezialisierte sensorische Areale, wo sie weniger kognitive Kapazität bindet. Erst diese Verschiebung schafft den Freiraum, der für eine zweite, parallel laufende Anforderung nötig ist.
Übertragung auf Bewegung und Koordination
Für jede Trainingsform, die kognitive und motorische Komponenten verschmilzt, ist dieser Befund folgerichtig zentral: Nicht die parallele Verarbeitung selbst ist das Problem, sondern der Reifegrad der beteiligten neuronalen Schaltkreise. Erst wenn eine sensomotorische Sequenz so weit automatisiert ist, dass sie den präfrontalen Engpass nicht mehr beansprucht, entsteht Kapazität für eine zweite, kognitiv anspruchsvolle Aufgabe. In der Praxis bedeutet das, dass komplexe Bewegungsmuster zunächst isoliert und mit hoher Wiederholungszahl gefestigt werden müssen, bevor eine kognitive Zusatzlast – Kopfrechnen, Wortsuche, Reaktion auf akustische Signale – sinnvoll hinzukommt. Genau auf dieser Stufenfolge beruht auch Life Kinetik: Automatisierung zuerst, Dual-Task-Erweiterung danach.
Allerdings ist eine Einschränkung notwendig. Die Studie operierte mit abstrakter Objektkategorisierung, einem klar umrissenen Diskriminationsproblem. Ob sich der Verlagerungsmechanismus in identischer Form auf offenere Bewegungsmuster übertragen lässt – etwa die Kombination aus instabiler Balance und schneller Reaktion auf visuelle Reize –, bleibt vorerst offen.
Was es zu beobachten gilt
Die nächsten Forschungsschritte werden zeigen müssen, welche Mindestanzahl an Wiederholungen tatsächlich nötig ist, ab wann die Verlagerung im Alltag messbar greift und ob der Befund auch für motorisch komplexere Dual-Task-Szenarien Bestand hat. Bis dahin liefert die Arbeit zumindest eine neurobiologisch fundierte Begründung dafür, warum konsequentes Wiederholen in jedem Koordinationstraining die eigentliche Voraussetzung für spätere Mehrfachleistung ist – und warum der Versuch, alles gleichzeitig zu lernen, genau die Engpässe erzeugt, die das Training eigentlich auflösen soll.